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Frau Gräfin steht für Tradition und MTV

Kimsy Gräfin von Reischach bei ihrem Vortrag
Kimsy Gräfin von Reischach bei ihrem Vortrag

Sternenfelser Gespräche: Kimsy von Reischach skizziert die Chronik ihrer Familie und gibt Einblicke ins Leben im Schloss

Von Riet nach London und über New York zurück nach Riet, vom elterlichen Schloss zum Musiksender MTV und über die Schauspielschule zurück ins Schloss, von den Anfängen einer jahrhundertelangen, wechselvollen Familienhistorie bis hin zur Gegenwart: Einen in mehrfacher Hinsicht weiten Bogen hat in ihrem Vortrag im Rahmen der „Sternenfelser Gespräche“ Kimberly Karen Daisy Louise Gräfin von Reischach gespannt.

In der Diefenbacher Gießbachhalle genießt an diesem Abend ein illustres Publikum die (Eigen-)Betrachtungen eines illustren Gastes, der sich der Einfachheit halber als Kimsy von Reischach ankündigt. Und Kürzungen tun auch in anderer Hinsicht Not, reichen doch die Ursprünge derer von Risha, Ryschach, Reyschach und Reischach weit zurück bis ins frühe Mittelalter, so dass es für eine ausführlichere Familienchronik eine Fortsetzungsreihe bräuchte – ganz abgesehen davon, dass der Werdegang der aktuellen Gräfin allein genügend Stoff für einen dreiviertelstündigen Vortrag bieten würde.

„1453 to me“ hat die 44-Jährige, die auf die Englisch-Kenntnisse ihres Auditoriums baut, ihren Beitrag zum „Forum für Optimisten“ überschrieben, das seit 1999 unter Federführung eines Initiativkreises vom Mühlacker Tagblatt und der Gemeinde Sternenfels veranstaltet wird. Anno 1453 bezog laut dem Internetlexikon Wikipedia, das von Kimsy von Reischach als Einstieg in ihre Zeitreise genüsslich zitiert wird, „ein typisches kleinadeliges Geschlecht, das es nie zu herausragender Berühmtheit an sich oder an einzelnen Mitgliedern brachte“ das Schloss im heutigen Vaihinger Stadtteil Riet, womit die starke Verwurzelung in der Region ihren Ausgangspunkt fand. Im Übrigen erlebte die einst mächtige und weit verzweigte Dynastie im Laufe der Jahrhunderte zwar einige Tiefpunkte bis hin zur Verpfändung von Burgen und Schlössern, andererseits aber auch etliche Höhepunkte von der Vermählung eines Ahnen mit der Königin von Mallorca über den siegreichen Kampf eines Vorfahren um den Hohenasperg an der Seite Ulrichs von Württemberg bis zur Verleihung des gräflichen Titels an den Staatsminister Karl Freiherr von Reischach 1860. Hinzu kamen kleine und große Dramen wie die Ermordung des potenziellen Thronfolgers Michael oder das traurige Ende eines Mitglieds der Nußdorfer Linie, das erst Frau und Magd erschlug und dann selbst von den Bürgern malträtiert wurde. Hugo Freiherr von Reischach war Hofmarschall unter Wilhelm II. und ist auf einem Foto mit dem Kaiser und King George zu sehen.

Alles „typisch“ und wenig bedeutend ? Die Gräfin überlässt das Urteil den Zuhörern und schafft es ansonsten, ein facettenreiches Bild der adeligen Traditionen und modernen Herausforderungen zu zeichnen. Die bestehen nicht zuletzt darin, unter dem wachsamen Auge des Denkmalschutzes ein Bauwerk besonderer Art funktionstüchtig zu erhalten. „Das Leben im Schloss ist genauso wie sonst auch – nur größer“, sagt die Miteigentümerin, die sich in einem „modernen Mehrgenerationenhaus“ gemeinsam mit Vater Dietrich Graf von Reischach, ihrem Ehemann Marcus Lambkin und der Familie von Schwester Kirsten um den herrschaftlichen Sitz kümmert. Eine Kehrwoche gibt es demnach auch im Schloss Riet, allerdings erstreckt sich die über ein Treppenhaus mit 64 Stufen. Die Begehungen mit dem Hausmeister, um eventuelle Schäden aufzuspüren, gehören ebenso zu den Pflichten wie Verhandlungen mit dem Denkmalschutz, wenn der Putz bröckelt, oder das Bemühen, Erlöse zu erwirtschaften, indem sich das Haus für Besucher öffnet – bei Hochzeiten, Whisky-Proben, einer Sommerserenade oder dem Weihnachtsmarkt im Schlossgarten. Weitere Einnahmequelle ist die Vermietung des Areals als „Location“ für Fernsehteams, weshalb in einer Folge von „Soko Stuttgart“ Schloss Riet als Kulisse dient.

Gräfin Kimsy präsentiert sich in ihrem Vortrag und einer kurzen Podiumsrunde, die von Verleger Hans-Ulrich Wetzel moderiert wird, allen antiquierten Vorstellungen vom Landadel zum Trotz als moderne Schlossmanagerin, die im Übrigen als Moderatorin bei Veranstaltungen von Politik, Wirtschaft und Verbänden ihre Brötchen verdient. Im Beruf profitiert sie von den Erfahrungen im früheren Leben, als sie Mitte der 1990er Jahre als Fernsehmoderatorin bei MTV Europe die Hardrocker von „Metallica“ begleitete, Modeschöpfer Jean Paul Gaultier traf oder einen schnoddrigen Hollywoodstar Bruce Willis interviewte. Drei Jahre dauerte die Tätigkeit in London, bevor sie an die Schauspielschule „The New Actors Workshop“ in New York wechselte, wo sie zwar keine Kino-Karriere startete, dafür aber ihren aus Dublin stammenden Mann Marcus Lambkin – einen erfolgreichen Discjockey – kennenlernte. Mit ihm zusammen kehrte sie vor 15 Jahren an die eigenen Wurzeln in Riet zurück, wo im 950-Seelen-Dorf die Uhren anders ticken als in der US-Metropole.

Zwischendurch, bevor es der Großonkel Ulrich von Reischach übernahm und 1920 die Verwandten auszahlte, war Schloss Riet ein Heim für „schwachsinnige Kinder“ unter Leitung des Heilpraktikers Georg Friedrich Müller, der 1865 nach Stetten wechselte und als Begründer der dortigen Heilanstalt gilt. In seinen Tagebüchern schildert Ulrich unter anderem das Kriegsende 1945 mit der Sprengung des Senders Mühlacker und Granateinschlägen beim Schloss – Zeitzeugnis und dramatisches Kapitel einer Familienchronik, die Gräfin Kimsy auf ihre Weise weiterschreiben will.

Text und Bilder: Mühlacker Tagblatt

Dagmar Woodward spendet den Sternenfelser Gesprächen 5000 Euro
Dagmar Woodward spendet den Sternenfelser Gesprächen 5000 Euro
v.l.n.r.: Bürgermeister Werner Weber, Helmut Wagner, Vera Haueisen, Kimsy Gräfin von Reischach, Hans-Ulrich Wetzel und Michael Gutjahr
v.l.n.r.: Bürgermeister Werner Weber, Helmut Wagner, Vera Haueisen, Kimsy Gräfin von Reischach, Hans-Ulrich Wetzel und Michael Gutjahr

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